Dienstag, 2. August 2011

 

Schweizer Käse und schweizer Gastfreundschaft: Märstetten - Au (Kanton Thurgau) (29. Juli)

Am nächsten Morgen möchte ich früh los; ich will wieder für mich sein. Kurzes Dankeschön und auf geht's.
Schon bald entsteht eine neue Blase am rechten Fuss an einer neuen Stelle - wo kommt die jetzt her?
Trotzdem habe ich heute Dampf: Schon gegen Mittag ist die erste von zwei im Führer vorgeschlagenen Etappen abgespult. Jetzt nach drei Stunden erstmal frühstücken. Hier - in Tobel - passiert allerdings das erste mal, was noch häufig kommen soll: Nichts hat offen. "Tja, es sind ja auch Ferien", sagen mir ein paar Bauarbeiter. Was ist das denn? Sind Schulferien ein Grund dafür, dass keine Bäckereien oder Restaurants mehr offen haben? Wo sind denn die guten alten Wirtschaften auf den deutschen Dörfern, in die Bauarbeiter in Deutschland regelmässig einkehren? Schliesslich finde ich doch einen Bäcker und esse zwei Stück Kuchen.
Die nächsten 15km gehen auch schnell vorbei und um 14 Uhr mache ich eine Pause in einem Freibad, in dem es keinen Gast gibt und ich deswegen umsonst reinkomme, um eine Cola zu trinken. Schuhe ausziehen entspannt herrlich und nach einer Stunde gehe ich mit aufgeladenen Akkus weiter.
Nach kurzer Zeit laufe ich auf 2 Pilger mit Hund auf. Ich bin seit dem Erlebnis mit den Hardcore Pilgern gestern etwas genervt auf diese Hundertprozentigen und bin etwas kurz angebunden. Die beiden sind eigentlich sehr nett: Aus Reutlingen und mit dem Plan, mit Hund nach Santiago zu gehen. Sie mussten gerade einige Tage rasten, weil der Hund vom vielen Wandern die Pfoten aufgescheuert hatte. Hunde sind zwar schnell, aber nicht für ausdauernde Wanderungen gemacht. Wir verabschieden uns, eventuell sehen wir uns später noch beim Etappenziel auf dem Hörnli - dem zweithöchsten Berg des Jakobsweges durch die Schweiz.
Ich komme in Fischingen an, einer Kloster-Siedlung am Fuss des Hörnli. Das im Führer viel gelobte Gasthaus gefällt mir nicht. Hier also noch kein Essen. Am liebsten würde ich auf dem Gipfel übernachten und den Sonnenuntergang draussen mit 360-Grad-Blick auf die umgebende Landschaft verbringen. Ich habe Sehnsucht nach Weitsicht. Fehlende optische Weitsicht führt manchmal auch zu fehlender geistiger Weitsicht, habe ich das Gefühl und möchte deswegen also gern auf den Gipfel. Der Gastwirt erteilt mir allerdings eine Absage, weil ich erst in 2 Stunden oben wäre. So reserviere ich telefonisch bei der Familie Egg im Schwendi Stübli, das auf halber Höhe liegt. Diese private Unterkunft war mir schon mehrfach als besonders herzlich empfohlen worden. Am Telefon beschreibt mir der Hausherr mehrfach die Käserei, bei der ich in Au den Abzweig zum Berg hinauf nehmen soll. Als ich an der Käserei ankomme, denke ich mir, dass ich schon immer mal wissen wollte, wie Käse eigentlich gemacht wird. Ich klopfe und tatsächlich macht mir jemand auf.


Michael, der Sohn des Hauses, ist amüsiert von meiner Neugier und erklärt mir alles. Als ich auch probieren will, gehen wir zum Kühlhaus und da liegen sechs Käsesorten. Spontan beschliesse ich, für das gemeinsame Abendessen im Stübli heute Abend alle Käsesorten als eine Art Gastgeschenk mitzubringen.


Der Hausherr winkt mir schon von Weitem und sagt "Ich bin der Richi, herzlich willkommen" und ich sage "Ich habe Käse mitgebracht". Richi und Uschi sind amüsiert, dass ich das Abendessen mitbringe. Später soll es also Kartoffeln und Salat dazu geben, sagt Richi.
Erstmal allerdings hinsetzen und mit dem Hausherr ein Willkommens-Bier trinken. Nichts dagegen.


Herrlich entspannend ist es auf der Terrasse, von der man weit ins Tal schauen kann. Ich bin im Matrazenlager heute der einzige Gast und kann mich oben ausbreiten. Als Uschi zum Abendessen ruft, stellt mir Richi ein Fussbad mit heissem Salzwasser unter den Tisch.


Die herzliche Stimmung und das warme Wasser an den Füssen sind herrlich entspannend für Körper und Seele. Die beiden erzählen mir anhand ihrer Gästebücher Geschichten von Pilgern und Wanderern, die hier vorbeigekommen sind. Der Reisebericht einer Pilgerin, die vor Jahren bei ihnen war, kommt in Form von zwei Büchern auch auf den Tisch. Ich frage mich zwar, warum man wieder mal noch ein Buch über die Wanderung schreiben musste, weil eigentlich immer wieder das gleiche drinsteht. Aber nett finde ich trotzdem, auch meine letzten Etappen dort nochmal dokumentiert zu sehen. Und dann findet man auch, warum sie das Buch geschrieben hat: weil sie den Weg geht für ihren Partner, der verstorben ist und mit dem sie den Weg begonnen hatte und eigentlich hätte beenden wollen.
Ein sehr erholsamer Abend.

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