Dienstag, 2. August 2011

 

Die Mahnung der Hardcore Pilger: Meersburg - Konstanz - Märstetten (28. Juli)

Heute kommt die Schweiz. Den Wanderführer Deutschland brauche ich nicht mehr. Bei der Post mache ich also ein Packet zwecks Ballst-Abwurf fertig: Wanderführer, nicht funktionierende Socken, Andenken, Spanisch Kurs-Buch. Das läuft wie beim häuslichen Kleiderschrank: Alles, was man einige Zeit nicht benutzt hat, das braucht man überhaupt nicht mehr. Beim Wandern ist dieser Zeitraum 2 Wochen. Ab nach Hause damit. Schnell noch eine Speicherkarte für die Kamera gekauft (die ersten 1000 Bilder sind schon im Kasten) und dann geht's zur Fähre: 20 Minuten nette Überfahrt nach Konstanz.


In Konstanz setze ich mich an den Hafen und erledige im deutschen Handynetz noch einige nötige Telefonate und gehe gegen 16 Uhr los.



Die Schweiz fühlt sich anders an. Warum, kann ich noch gar nicht sagen. Der Weg ist ganz anders ausgeschildert (weisses Schild "Schwabenweg"), es geht viel auf Asphalt-Straßen entlang und die Städtchen und Dörfer sind noch kleiner, aber mit netten Fachwerkhäusern.
Nach einigen Kilometern treffe ich einen anderen Wanderer - ein Bild von einem Pilgerer: Er ist aus Tschechien und mit selbstgemachten Sandalen unterwegs. Ledersolen selbst ausgeschnitten - schnell noch eine Lederschnur als Schliesse dran - fertig.


Dazu ein scheinbar 20kg Rucksack angefüllt nicht nur mit Klamotten, sondern auch mit Essen, Kochgeschirr und Gaskocher. "Man kann ja auch mit nichts als einer Kreditkarte gehen, aber wo ist denn da das Pilgern?", höre ich und bin zunächst etwas beschämt wegen meiner Hightech-Outdoor-Kleidung und weil ich erst ein einziges mal draussen geschlafen habe. Ich erfahre, dass man sich mit den Sandalen, die praktisch nicht gefedert sind und die das Fussbett erst langsam durch Tragen am Fuss erhalten, einen ganz anderen Schritt angewöhnen muss: Nur auf dem Ballen gehen. Die Umgewöhnung mindert die Kilometerleistung zunächst beträchtlich. Erstaunlich, was der sich antut.
Nach einer Stunde kommen wir an einem Bauernhof vorbei, in dessen Scheune gebrauchte Fahrräder verkauft werden. An einer Seitenscheune steht ein Schild "Bar Santiago de Compostella". Das sieht seltsam aus: Die Fachwerkscheune hat ab einem Meter Höhe nur noch die Balken, die Mauern sind leer und so ist es eher ein Unterstand. Innen drin tatsächlich ein Bartresen mit einer Bank und ein paar alten Hockern, die vom Wetter abgewetzt sind.


Ich hatte von dieser Bar schon gehört und habe deswegen Lust, hier auch kurz Pause zu machen. Der Tscheche wittert eine Übernachtungsmöglichkeit und bleibt ebenfalls. Als wir neugierig herumschauen, kommt der Hausherr aus dem Hof und fragt, ob wir etwas trinken wollen. Wollen wir. Ich kaufe zwei Eistee, einen für den Fusspilger aus Tschechien. Ob er hier schlafen könnte, fragt er den Hausherr. Der zögert etwas, sagt schliesslich zu. "Na dann essen wir mal zu Abend, oder?" (das "oder" wird ab jetzt zum ständigen Wegbegleiter in der Schweiz. Hier wird es an fast jeden Satz rangehängt und klingt wie "odr?". Später höre ich mal, dass das ein Beweis für die demokratische Haltung der Schweizer sein könnte - immer nach Zustimmung fragend). Wir essen zu Abend: Brot und Tomaten aus dem Garten, der Tscheche kocht auch noch Linsen auf seinem Kocher. Der Hausherr ist eher schweigsam. Ich sage hin und wieder ein paar Sachen, aber das scheint nicht das gesteigerte Interesse des Hausherren zu treffen. Als meine Füsse zur Sprache kommen, ernte ich ein eher verächtliches: "Na das geht sowieso wieder weg." Und schliesslich "die Leute machen das heute auch verkehrt: warum machen sie nicht mal eine Woche Pause? Früher hat man das auch gemacht, wenn man ein halbes Jahr gewandert ist. Was ist da schon eine Woche?" und "Am besten gehst Du barfuss. Das ist das beste Training und da kann auch nichts drücken". Kopfschütteln. Ich komme mir völlig blöd vor neben diesen Hardcore Pilgern. Wenns Euch Spass bringt, denke ich mir und bin ab da auch schweigsam. Ich bereue schon, dass ich auch gesagt habe, ich würde dort übernachten. Aber als es anfängt, in Strömen zu regnen, kann ich auch nicht mehr wirklich weg.
Ich möchte hier nichts Schlechtes über Hausherr und den tschechischen Pilger sagen. Schliesslich habe ich Abendessen und Unterschlupf bekommen. Aber ich habe mich trotzdem überhaupt nicht wohlgefühlt.
Statt in der geschlossenen Scheune, die uns angeboten wird, zu übernachten, lege ich mich in der Bar-Scheune auf den Tisch und schlafe zwischen den drei Eseln des Hofs ein. Ich schlafe gut.
Heute habe ich etwas gelernt: Es bringt nichts, ein vermeintlich aussergewöhnliches (aber doch Klischee)-Pilgererlebnis zu erzwingen - wie hier diese Nacht in einer ausgefallenen Bar im Freien. Ich hätte an dem Abend noch weiter gehen können, um mir meine nächste Etappe zu verkürzen und hätte mir dann auch nicht anhören müssen, was für ein naiver Anfänger ich bin. Am besten mache ich das, was mir richtig erscheint. Ganz einfache Lehre zwar, aber ich musste sie wohl doch lernen.

Kommentare:
Hi Dietmar ! Glückwunsch zur Etappe 1 !

Jetzt können wir auch langsam an das Paket für Genf denken ... dar wir nur noch bis 13.08. in Nürnberg sind, würde wir es in den nächsten beiden Wochen auf den Weg bringen. Meld Dich einfach mal irgendwie

Gute Reise weiterhin! Stefan und Sandra
 

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